Wolfgang Irg, „Wir sind LiterARTur – Schriftsteller*innen aus Baden-Württemberg im Porträt“
24.3.2022, Gedok Stuttgart
Einführung von Vivien Sigmund
Wenn man die Begriffe Schriftsteller*innen und Porträts – oder eine synonyme Wortfolge – zusammen googelt, dann findet man geschriebene Erzählungen über Begegnungen mit Schriftstellern, ein Buch mit Porträts russischer Autoren aus dem Jahr 1968, Bilder von Schriftstellern der Barockzeit und das Buch „Krähen: ein Porträt“ und man fragt sich unwillkürlich, ob Algorithmen jetzt auch Witze können. Schließlich sind Federn zwar mächtiger als das Schwert, aber ob das so gemeint war, sei dahingestellt.
In Zeiten, in denen quasi jeder und alles hundertfach als Abbild zumindest im Internet vorhanden ist, ist das aber doch gelinde gesagt erstaunlich. Wie sichtbar sind eigentlich Autor*innen? Und warum?
Weniger aus empirischen Gründen, denn aus Neugierde bemühen wir also nochmals Google, um dieses Mal einen exemplarischen Schriftsteller namentlich zu suchen, sagen wir, weil sein Abbild eines von denen ist, die uns hier umgeben, Walle Sayer.
Wir finden Buchcover, Walle Sayer in lesender Aktion oder mit Bücherstapel und vielleicht zwei Bilder, die als Porträt durchgehen könnten, wovon mindestens eines jenes Abbild ist, das uns immer vom Klappentext aus anlächelt.
Natürlich, das ist eine alte Weisheit, gibt es immer solche und solche, aber mehr solche als solche, was in diesem Fall heißt, dass es definitiv mehr Schreibende gibt, die vorsichtig ausgedrückt nicht überfotografiert sind. Das ist nun genau das, was Wolfgang Irg gereizt hat. Der Fotograf lichtet seit 2017 die Schriftstellerinnen und Schriftsteller Baden-Württembergs ab. Und holt damit eine (in Anführungszeichen gesetzte) „Gattung Mensch“ ins Tageslicht, die ansonsten offensichtlich hinter den Schatten ihrer Büchertürme zu verschwinden droht.
Und ich sage mit Bedacht ins Tageslicht, denn mit Rampenlicht haben seine feinsinnigen Porträts so gar nichts zu tun.
Dafür nimmt sich Irg viel zu sehr zurück. Er steuert den Bildwerdungsprozess nicht, er lässt ihn weitgehend geschehen. Es geht ihm nicht um Glamour, Glanz und Oberfläche, um Lichtkavalkaden, die alle Kanten glattschleifen und Beautyretuschen bis zur akuten Plastikwerdung, denn nicht nur kursieren derartige Fotografien zur Genüge im Netz und in den Hochglanzmagazinen, sie würden den Schreibenden auch nicht gerecht werden.
Der Backnanger Fotograf, so sagt er selbst, versucht ehrliche Bilder zu schießen, und allein in dem bedächtigen Begriff „versuchen“ funkelt schon der wahre Glanz der Authentizität, die er vorsichtig visuell auslotet und gegen das Image, das heutzutage wohl jeder hat, der in der Öffentlichkeit steht, abwägt.
Wie geht der Fotograf vor?
Kein künstliches Licht also und den Ort, den wählen die Schriftsteller*innen aus. Der Rest ist Prozess, ist Dialog.
Den Bildern, ihnen haftet etwas Spontanes, Unperfektes an. Die Perspektive, der Ausschnitt, die Örtlichkeit, immer ist da etwas im Bild, das mit der Komponiertheit bricht. Mal wandert der oder die Porträtierte sachte aus dem Blickpunkt, mal hinterfragt eine saloppe Geste den dem Porträt eigentlich immanenten Ewigkeitsanspruch. Denn was ist ein Porträt
ursprünglich anderes als ein Stemmen gegen die eigene Endlichkeit? Irgs Bilder jedoch, sie wirken fast wie Filmstills, so unmittelbar, lebendig und narrativ, als würde die Geschichte vor und nach dem Bild einfach weitergehen. Was sie ja genaugenommen auch tut. Posen jedenfalls, Inszenierungen, um ein mediales Über-Ich zu generieren, die sehen schlichtweg anders aus. Zum Glück. Häufig schiebt sich ohnehin etwas ins Bild, Natur, Architektur, Kunst, Bildelemente und Details, Linien vor allem, die nicht geschwätzig sind, aber durchaus beredt. Der Umraum, er ist fraglos Nebendarsteller im Bild und das Verhältnis von Umraum zu Protagonist, das wägt Irg ganz individuell ab vor Ort.
Bei Tina Strohecker beispielsweise, deren Werk – so Gerd Kolter – zwischen Ortsgebundenheit und Weltläufigkeit changiert, da wächst eine künstlerische Installation ins Bildgefüge, die sanft und vage an Bahnschienenstränge gemahnt, an Kartographie und Weltvermessung, an Bewegungen von Ort zu Ort. Das ist natürlich eine rein subjektive Interpretation, aber die Bilder in ihrer Offenheit und Unverstelltheit, sie gestatten genau dies: sich den Menschen auf den Bildern gedanklich ganz unverfangen anzunähern.
Da ist als weiteres Beispiel Hermann Bausinger, der mit 92 Jahren zu beschäftigt war, um sich fotografieren zu lassen und der mit 94 ob der Hartnäckigkeit Irgs schließlich doch zusagte. Ein Urgestein also, im Bild halb hinter Stein verborgen, dessen Haarsträhne sich fern der restlichen Mainstream-Haare so herrlich eigensinnig in den Wind stellt. Ein kurzer Oh-Nein-Moment für den Fotografen im Augenblick des Fotografierens übrigens, der sich erst im Nachhinein als Glücksfall offenbarte. „Der entscheidende Augenblick“, wie es Henri Cartier-Bresson postulierte, wird bei Irg von der Street Photography auf das Porträt übertragen.
Siehe auch Tatjana Kruse, die Krimiautorin mit den so Film-Noir-artigen Augen, hinter der zwei Pfeile Auskunft geben über das Auf und Ab des Literatendaseins. Oder vielleicht auch über etwas ganz anderes, aber schauen Sie lieber selbst!
Nicht nur verweigern sich die Bilder also dem Dauerlächeln, dem Einsatz von stilistischem Schmirgelpapier und dem allzu Erwartbaren, sie kommen auch aufs Schönste ohne Farbe aus. Schwarzweiß bzw. sanft kupferfarben getönt, das ist für Irg eine Form der Abstraktion. Denn wo keine Farben leuchten, da geht es subtil zu, da entscheidet die Nuance, die Schattierung, der Grad der Körnung über Haptik und Gepräge der Fotos, da generieren Hell-Dunkel-Kontraste eine schwingende Spannung im Bild und vor allem rückt das Motiv ganz von allein in den Vordergrund. Denn die Farben, sie lenken uns nicht ab vom Eigentlichen. Die Bilder, sie sind ein Flüstern, ein Raunen, ein Hauch. Bildgewordene Literatur in dem Sinne, dass man sich einlassen muss als Betrachter auf die Bilder und sie einen nicht anspringen und mit ihrer Botschaft wedeln.
Rund 50 Schriftsteller*innen hat Wolfgang Irg bereits porträtiert. Lyrikerinnen und Kinderbuchautoren, Krimiautorinnen und Romanciers sämtlicher Couleurs. Seine Fotografien dokumentieren insbesondere die Vielfalt der baden-württembergischen Literatur-Landschaft. Und sie können darum auch nichts anderes sein, als ein Work in Progress, eine Sisyphus-Aufgabe im positivsten aller Sinne, denn was kann es Schöneres geben, als das Wissen, dass es in Baden-Württemberg mehr Literat*innen gibt, als Zeit, um sie zu fotografieren?
